Inspiriert durch die Natur


Die Formen in unserer natürlichen Umgebung waren den Künstlern seit jeher eine Inspirationsquelle. Während die einen so weit gehen, zu sagen, so etwas wie die Erfindung von Formen gäbe es nicht - alle Formen existierten bereits in der unendlichen Vielfalt der Natur - versuchen andere, genau dies zu bewerkstelligen.

War es über Jahrtausende hinweg das Bestreben der Bildhauer, ein immer realistischeres, möglichst objektives Abbild der Wirklichkeit zu schaffen, setzte sich die Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts (d.h. etwa 80 Jahre nach Erfindung der Fotografie und 60 Jahre vor Erfindung des 3-D-Körper-Scans) neue Ziele. Über die reine Repräsentation der physischen Erscheinung hinaus nehmen die Künstler die Essenz eines Dings in den Blick, versuchen einer Idee oder einer inneren Empfindung symbolisch Form zu geben. Das Werk hält in gewisser Weise Zwiesprache mit der äußeren Welt, es eröffnete einen Blick auf die Welt, als eine Möglichlichkeit der Betrachtung und Wahrnehmung. Wenn im Werk sich auch subjektive Wahrnehmung mit subjektiven Gefühl verbindet, so produziert es bei Betrachter doch häufig universell menschliche Empfindungen.





Die kubistische Plastik: (De-)Komposition

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Pablo Picasso:
Gitarre (1912-13)

Jacques Lipchitz:
Figure (1915)

Julio González:
Tunnel Head (1935)

In ihren Anfängen war abstrakte (bzw. genauer: abstrahierte) Skulptur noch Studie des Objekts. So wie es der analytische und der synthetische Kubismus in der Malerei vorgemacht hatten, wurde das Objekt in einfache Flächen oder Formen zerlegt dargestellt (wie etwa bei Lipchitz, siehe Foto) bzw. aus solchen - manchmal unter Verwendung unterschiedlicher Materialien - zusammengesetzt (wie bei González oder Picasso, siehe Foto). Das "natürliche Bild" des verfremdeten Objekts entsteht in beiden Fällen erst im Kopf des Betrachters, der über die (de-)komponierte Form lediglich Hinweise auf markante Wesenszüge bzw. Merkmale des gemeinten Objekts erhält. Ein solche Skulptur erscheint um so interessanter, je pointierter die Wesenszüge gesetzt sind bzw. wenn es dem Künstler gelingt, das Objekt nur mit geringsten Mitteln anzudeuten.

Die Form des Objekts löst sich auf; sie wird ersetzt durch eine Zahl oft einfacher geometrischer Formen und deren Zusammenspiel. Die Form hat sich verselbständigt.





Der Schritt in die Abstraktion: Reduktion und Genese


Rudolf Belling:
Dreiklang (1919)

Constantin Brancusi:
Bird in Space (1923)

Jean (Hans) Arp:
Fruit hybride
dit la Pagode
(1934)

Rudolf Bellings Dreiklang wird von einigen Kunstwissenschaftlern als die erste abstrakte Plastik betrachtet. Andere sehen darin drei Tänzerinnen in Anbetracht der Tatsache, dass sich Belling, der sich in jungen Jahren als Bühnenbildner einen Zuverdienst erwarb, oft mit dem Motiv der Tänzerin beschäftigte (und mit einer Tänzerin verheiratet war). Wenn dem vielleicht auch so seien mag, so tritt bei dieser Arbeit der darstellende Charakter doch deutlich in den Hintergrund: Belling war bestrebt, Plastiken zu entwickeln, die von allen Seiten gleichermaßen reizvoll aussehen. (Zur damaligen Zeit hatten Plastiken - ähnlich Denkmälern - in der Regel eine Hauptansicht.) Des weiteren interessierte Belling das Wechselspiel von Plastik und dem sie umgebenden Raum, den er als gleichwertig betrachtete und bewusst mit in die Gestaltung einbezog.

»Wenn ich eine Skulptur mache, so organisiere ich die Formen und lasse sie wachsen wie einen Baum oder Menschen.« [Rudolf Belling]

Zu den Wegbereitern der abstrakten Plastik zählen Brancusi und Arp. Im Werk zahlreicher Bildhauer des 20. Jahrhunderts lässt sich ihre Wirkung nachspüren.

»Er (i.e. Brancusi) bevorzugte Einsamkeit und Einfachheit, Ideale, die er einer mystischen Abhandlung eines Tibetischen Mönchs, Milarepa, aus dem 11ten Jahrhundert ableitete. (…) Seine Formen entfalten sich aus zwei zwingenden Idealen - universelle Harmonie und Wahrhaftigkeit gegenüber dem Material. Universelle Harmonie bedeutet, dass Form im Prozess der Entstehung durch physikalische Gesetze bestimmt ist. So wie ein Kristall eine bestimmte Form annimmt, oder ein Blatt oder eine Muschel, durch die Wirkung physikalischer Kräfte auf Material, das von einer inneren Energie beseelt ist, so soll das Kunstwerk seine Form annehmen, während die kreative Energie des Künstlers mit dem Material seines Gewerks ringt.« [Herbert Read, 1964, S. 79f]

»Ein einfühlsamer Betrachter von Skulpturen muss lernen, Form bloß als Form zu fühlen, nicht als Beschreibung oder Erinnerung… Seit der Gotik ist die Europäische Skulptur mit Moos und Gras überzogen worden, alle möglichen Arten von Oberflächenwucherungen, die vollständig die Form versteckten. Es war Brancusis spezielle Berufung, sich dieser Wucherung zu entledigen und uns unser Formbewusstsein zurückzugeben. Um dies zu bewerkstelligen, musste er sich auf sehr einfache unmittelbare Formen konzentrieren, seine Skulptur sozusagen einzylindrig halten und diese einzige Form verfeinern und polieren bis dahin, dass sie uns fast als zu kostbar erscheint.« [Henry Moore]

Arp wiederum, Gründungsmitglied der Gruppe Abstraction-Creation im Jahr 1931, entwickelt eine ganz eigene organischen Formensprache. Arp lässt sich weniger von der Form in der Natur inspirieren als dass er wie die Natur zu arbeiten versucht. Dieser naturanaloge Prozess gebiert ihm schlussendlich die Form.

"Nous ne voulons pas copier la nature. Nous ne voulons pas reproduire, nous voulons produire. Nous voulons produire comme une plante qui produit un fruit et ne pas reproduire. Nous voulons produire directement et non par truchement. - Comme il n'ya pas la moindre trace d'abstraction dans cet art nous le nommons: art concret." [Hans (Jean) Arp]

Arp begann Anfang der dreißiger Jahre, seine Skulpturen "Konkretionen" zu nennen, die er definierte als "den natürlichen Prozess des Kondensierens, Aushärtens, Gerinnens, Dicker-Werdens, Zusammenwachsen… Konkretion ist etwas, das gewachsen ist. Ich wollte, dass meine Arbeit einen demütigen, anonymen Platz in den Wäldern, in den Bergen, in der Natur findet. [Herbert Read, 1964, S. 83]






Vitalismus

Hans Arp, Karl Hartung und Henry Moore schufen Skulpturen, die nicht nur äußerlich - mit ihren Auswüchsen und ihrem freien Spiel aus weichen Rundungen und harten Kanten bzw. Spitzen - an Formen in der Natur erinnern. Was diese Arbeiten ausmacht ist vielmehr, dass sie von einer zaghaft aufwärts sprießenden Kraft hier bzw. einer urwüchsigen, gewachsenen Kraft dort durchdrungen scheinen.

Herbert Read ist daran gelegen, den Vitalismus - von dem diese Arbeiten geprägt sind - der Harmonie und Schönheit gegenüberzustellen, die der konstruktiven Plastik einbeschrieben sind:

… die Seele, die wir in alle Gegenstände, belebt oder unbelebt, projizieren, die Eigenschaft, die die Chinesen "Chi" nennen, die universelle Kraft, die durch alle Dinge fließt und die der Künstler auf seine Schöpfungen übertragen muss, will er andere Menschen berühren. Dieser Vitalismus, wie ich es nennen möchte, war die Begierde und das Bestreben eines maßgeblichen Typs des modernen Bildhauers. Es hat wenig oder nichts gemein mit der Eigenschaft, die die Begierde und das Bestreben des anderen maßgeblichen Typs des modernen Bildhauers, der Konstruktivisten, war: die Eigenschaft, die wir Harmonie nennen mögen, oder, wenn wir ein mehrdeutiges Wort nicht scheuen, Schönheit.
[Herbert Read, 1964, S. 77, Hervorhebungen im Original]



Arp-1953-Wolkenhirt.jpg Arp-1957-Tors_de_geant-Locarno.jpg Arp-1959-Feuille_se_reposant-01-Gerardus.jpg Arp-1959-Feuille_se_reposant-02-Gerardus.jpg
Arp-1962-S_elevant-Locarno.jpg Hartung-1950-Urgeaest-jp-8288.jpg Hartung-1964-Fluegelstern-ajb_1.jpg Hartung-1964-Fluegelstern-ajb_2.jpg
Moore_Kew_19_Large-Two-Forms-1966.jpg Moore_Locking-Piece-196364-a.jpg Moore_Locking-Piece-1963-b.jpg Moore_Perry-Green_019_Arch-a.jpg
Moore_Perry-Green_024_Arch.jpg Moore_Perry-Green_058_Sheep-Piece.jpg Moore_Perry-Green_061_Sheep-Piece-a.jpg Moore_Perry-Green_070_Sheep-Piece.jpg
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Neuere und aktuelle Positionen der biomorphen Abstraktion

Als biomorph (von griechisch "bios - das Leben" und "morphe - die Gestalt") werden generell organisch anmutende Formfindungen bezeichnet. Ausschlaggebend ist dabei nicht unbedingt eine direkte Ähnlichkeit des künstlichen Gebildes mit einer natürlichen Form, also der Abbild-Charakter (wie in der figürlichen Plastik). Es genügt der Eindruck, dass die Form natürlich gewachsen erscheint, dass das Gebilde Assoziationen zu organischen Formen nahelegt.

Im Unterschied zum oben beschriebenen Vitalismus beruhen modernere biomorphe Positionen oft weniger auf einer idealistischen Vorstellung von Lebensenergie und Wachstum als auf dem strukturellen Moment oder auf der idiosynkratischen Wirkung des Materials.

Belling-1972-Bluetenmotiv-1.jpg Belling-1972-Bluetenmotiv-5.jpg Belling-1972-Bluetenmotiv-9.jpg Bohnet-1960-Dreiklang.jpg
Cragg-1997-Ferryman-Wien.jpg Cragg-1997-Ferryman-Wien-04.JPG Fleig-2003-Population-2a.jpg Fleig-2003-Population-4a.jpg
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Hach-2.jpg Koenig-1991-Grosse_Flora_V-08_t.jpg Koenig-1991-Grosse_Flora_V-10_t.jpg Larrea-2001-Dodekathlos-Zarateman_4.jpg
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Steinbrenner-1961-Figur_DPS.JPG Ufer-1969-Blattmotiv-Magocsi_5086.jpg Vorhauer-1973-Syntax-Giel_09.jpg Vorhauer-1973-Syntax-Giel-535.jpg
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Weitergehende Hinweise







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