Eduardo Chillida - Skulpturen im öffentlichen Raum

Begirari V (1995/96)

Beton, 15 m hoch. Auftrag und Eigentum: Stiftung Insel Hombroich. Standort: Raketenstation Hombroich, Neuss. Neben Chillida wurden weitere Künstler um Beiträge für die Umgestaltung der ehemaligen NATO-Raketenstation zu einem Ort der Kunst gebeten: u.a. reichten Raimund Abraham, Tadao Ando, Heinz Baumüller, Erwin Heerich und Katsuhito Nishikawa Konzepte ein. Gemeinsam ist ihnen das Interesse an Architektur und Raumgestaltung. Chillida schuf ein Modell der Begirari V aus Eisen. Das Projekt wurde auf der Architekturbiennale 1996 in Venedig und 1997 im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt, vorgestellt. Im Jahr 2001 errichtet.

Begirari V (baskisch für "Wächter V") steht auf einer Anhöhe umgeben von Feldern. Der Blick geht weit über das Land. Begirari V ist eine von Chillidas "Kopfformen", vgl. auch Begirari IV. Bei Begirari V ist auf der Rückseite ein Viertel des Kopfes rechtwinklig-kubisch herausgeschnitten. Chillida widerspricht damit nicht nur der Wahrnehmung einer Stele, bei der der Betrachter ein Vollvolumen am oberen Ende erwartet. Vielmehr schafft er einen Raum dort oben in der Höhe und lässt zudem verstärkt Licht durch die Fensteröffnung fluten. Schon früher schnitt Chillida rechtwinklig in Eisen oder Alabaster. Zu seiner Arbeit Hommage an Heidegger: Bauen, Wohnen, Denken (1994) schreibt Chillida:

«[Die] Form entspringt spontan aus dem Bedürfnis des Raumes, der sich ein Haus baut - gleich einem Tier in seinem Gehäuse. Wie dieses Tier bin auch ich ein Architekt der Leere.»
[Eduardo Chillida]

Diesen Arbeiten Chillidas steht der Vers »Lo profundo es el aire« ('das Tiefgreifende ist die Luft') des spanischen Dichters Jorge Guillén (1893 - 1984) Pate, dem Chillida mehrere Hommages widmete. So heißen zwei den Begirari V nicht unähnliche Stahlstelen Lo profundo es el aire (1988) und La casa del poeta ('Das Haus des Poeten') (1991). Mithin könnte man Begirari V gewissermaßen als ein Luftschloss des Geistes, des Nicht-Materiellen begreifen. Als eine Hommage an den menschlichen Geist (und seine Verantwortung?) schlechthin.

»Der Baustoff Beton hat in diesem Jahrhundert massive 'Imagewechsel' erfahren. Galt er in den 1950er als "praktisch, kostengünstig und modern", so wurde er in den 1970er Jahren als "brutal, monoton, unökologisch und lebensfeindlich" abgelehnt. (...) Die ästhetische Nutzung der rauhen Oberflächen des 'Sichtbetons', die sich durch verschiedene Gussverfahren ergeben, wissen von Beginn an bereits die Architekten zu inszenieren.« [Sabine Maria Schmidt in: 'Eduardo Chillida: die Monumente im öffentlichen Raum', Chorus Verlag, 2000] Man vergleiche hierzu insbesondere das vom japanischen Architekten Tadao Ando entworfene Ausstellungsgebäude der Langen Foundation nebenan. Eine Betonskulptur wird nun nicht etwa einfach aufgestellt: sie wird vor Ort gebaut. Für die individuelle Form des Kunstwerks wird zunächst eine Holzverschalung konstruiert, die dann nur für diesen einen, einen einzigen Betonguss verwendet wird. »Beton ist kein denkmalgenuines Material, das vergleichbar mit z.B. Granit Medium einer dauerhaften und würdevollen Manifestation ist. Diese Eigenheit kann aber ebenso als Qualität verstanden werden und kommt einem veränderten und zeitgenössischen Denkmalbegriff entgegen. Beton ist für den Künstler so edel wie alle Materialien. Chillidas Betonskulpturen wollen nicht provozieren, aber auch nicht ästhetisieren.« [Sabine Maria Schmidt, ebd.]

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