Über Welt der Form

Dietrich Mahlow gewidmet



Die individuelle Sicht, der Dialog bahnen den Weg zu den Werken. Denn dann haben sie mit dem Menschen und er mit ihnen zu tun. Wer einmal in das Blau der blauen Yves Klein - Bilder versunken war, kehrt verändert daraus zurück. Er muss nicht notwendig rational verstanden haben, warum das so ist. Die so ganz andere Welterfahrung irritiert und in dieser Irritation liegt die Chance, über den Horizont des Alltäglichen hinaus zu schauen. Denn erst wenn wir "unsere Trägheit und den Widerwillen, eingefleischte Gewohnheiten abzuschütteln" überwunden haben, steht "unserer Freude an großen Kunstwerken" [Ernst H. Gombrich in: Die Geschichte der Kunst, 1986, S. 19] nichts mehr im Wege.
[Dorothea Minderop, 2006]


Wozu Welt der Form?

The World of Form
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Unschätzbare Kunstschätze "lagern" - meist unbeachtet - an unseren Wegen und Plätzen. 'Welt der Form' will sie sichtbarer und zugänglicher machen. Erlaubt die Kunst im öffentlichen Raum doch einen einzigartigen Einstieg in die faszinierende Welt der modernen Plastik: da ist keine Schwelle! Die Skulptur darf sogar betastet werden! Kunst hautnah und für jedermann, sozusagen.

El Mundo de la Forma
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Was ist Bildnerei anderes als Licht,
das das Material zum Strahlen bringt!
Bildnerische Form ist immer Verklärung,
also Vergeistigung der Materie.
[Hans Steinbrenner 1965[1]]

Weil "auf der Straße" ganz Unterschiedliches mehr oder weniger unvermittelt nebeneinander steht, schafft die Zusammenschau ein lebendiges Bild der Vielfalt der Kunst und der je eigenen kreativen Welten der einzelnen Künstler. In Summe steht die Kunst im öffentlichen Raum damit - für mich persönlich - für die Größe und, gleichzeitig und untrennbar damit verbunden, für die Individualität des menschlichen Geistes. Kunst im öffentlichen Raum verstehe ich als Einladung ebenso an die menschliche Vorstellungskraft und an das Einfühlungsvermögen wie an die Pluralität des Denkens und an die Toleranz. Die Welt der Form ist bunt! Werke von Künstlern aus aller Welt stehen im öffentlichen Raum Seite an Seite. Umgekehrt gilt: die Werke großer Künstler inspirieren Menschen über Kontinente hinweg, und die interaktiven Karten von Welt der Form illustrieren, wo und in welchen Ländern ihre Werke überall zur Aufstellung kamen. In der Welt der Form und ihrer großen Geister erscheinen Grenzen - künstlich. Und zunächst Fremdes entpuppt sich - nicht immer, aber immer öfter - als Quelle der Inspiration.

Kopf-Kino

Traditionalisten meinen, Kunst komme von „Können“. Das Ober- verwaltungsgericht Münster hat 1959 verkündet, es bedeute „Künden“. Kunst kann aber auch „komisch“ sein – etwas Seltsames mit Witz, das durchaus ernsthaft werden kann, über welches das Nachsinnen lohnt. Eine Originalität, die Geist und Gemüt locker werden lässt, ein überraschender Gedanke, der im Kopf ein Kino öffnet.
[Klappentext zu: Gerhard Heinrich Kock: Skulpturen - Geschichten. Die Skulptur-Projekte 1977-2007. Aschendorff Verlag, 2017]

Insbesondere auf abstrakte Skulptur möchte 'Welt der Form' neugierig machen. Als ich mich für abstrakte Skulptur zu interessieren begann, stieß ich mich an dem - wie mir schien - rückwärts gewandten Begriff des Bildhauers. Trägt er doch mit dem Wort "Bild" scheinbar die Beschränkung auf das Figürliche, das Gegenständliche in sich. Heute hingegen könnte der Begriff Bildhauer für mich treffender nicht sein: schaffen doch die abstrakt arbeitenden Künstler ebenso "Bilder" wie ihre gegenständlich arbeitenden Kollegen - bloß dass die Bilder nun erst im Kopf des Betrachters entstehen. Der Mensch denkt in Bildern, sagt man. Es sind dies Bilder für das Wachsen und Werden hier, für Freiheit dort, mal Bilder für Energie oder unbändige Kraft, mal Bilder für Ruhe oder für "im Gleichgewicht sein" oder für Versenkung, bis hin zu ebenso eindringlichen wie ergreifenden Bildern für die Abgründe der menschlichen Existenz. Und mitunter kommt es vor, dass ein Bild schlicht dazu auffordert, ein verschlüsseltes Muster aufzudecken oder sich an der geistigen Schönheit einer bildnerischen Lösung zu erfreuen. Die "Bilder" der abstrakten Bildhauerei sind mithin nicht weniger materiell wie geistig; um sie zu erobern, braucht es ebenso Auge, Hand und Herz wie auch den Verstand.

Es gibt zwei Dinge für den bildenden Künstler, die absolut a priori sind: sein Bild, sein Imago, welches in ihm beschlossen liegt und nach Realisation verlangt - und die Fläche oder der Block, die außerhalb sind als Repräsentanten des absoluten Raums und mit dem innermenschlichen Bild verankert werden wollen. Dazwischen liegt das reiche Feld der Erfahrung.
[Hans Steinbrenner 1967/68[2]]

Welches Bild am Ende im Kopf des Betrachters entsteht, das hängt vom einzelnen ab, das hängt von der Vorerfahrung (und dem Einfühlungsvermögen) desjenigen ab, der sich auf das Kunstwerk und seine Wirkung einlässt. Die Wirkung kann dabei - zu unterschiedlichen Zeiten - ganz unterschiedlich ausfallen, bis hin zu gar keiner Wirkung oder gar zu Aggression, weil das eine mich anspricht und etwas anderes (gerade oder noch?) nicht. Das ist letztlich in der Kunst auch nicht anders als etwa in der Musik oder in der Literatur.

Richte ich meinen Blick auf dieses Echo, das ein Werk in mir (oft erst auf den zweiten Blick) auslöst, erfahre ich etwas über mich selbst, über meine aktuelle Befindlichkeit und meine Bedürfnisse. Dann kann es sein, dass ein Bild mehr als Tausend Worte sagt. Wenn es gelingt, ein wenig von dieser Freude - die nichts mit 'Gefallen' zu tun haben muss - zu vermitteln, so ist das oberste Ziel von 'Welt der Form' schon erreicht. Wenn die Karten dann den einen oder den anderen sogar unmittelbar zum Kunstwerk selbst führen - sozusagen Auge in Auge, hands-on - umso besser!

Was soll diese Skulptur? Wer ist überhaupt die/der Künstler/in und wie denkt sie/er? Plaketten tragen nur die wenigsten Kunstwerke. Auf den Karten von 'Welt der Form' kann man Skulpturen, denen man begegnet ist, metergenau ausfindig machen. Allein über den Ort kann man herausfinden, von welcher/m Künstler/in ein Kunstwerk stammt und was es damit auf sich hat. Für nicht wenige abstrakte Kunstwerke entsteht ein Bild im Kopfe des Betrachters erst durch ein Hintergrundwissen, gewissermaßen durch einen Schlüssel, der Zugang gewährt. Hie und dort ist 'Welt der Form' der Versuch, einen solchen Schlüssel bereitzustellen. So finden sich auf 'Welt der Form', neben Angaben zum Kunstwerk, machmal auch Assoziationen oder Zitate. Am natürlichsten aber, scheint mir, erschließt sich ein (abstraktes) Kunstwerk, indem man weitere Werkbeispiele desselben Künstlers/in und ihre/seine Vita in Augenschein nimmt. Ein Klick auf den Namen des/r Künstlers/in führt daher in der Regel zu einer Biografie und zu weiteren Werkbeispielen.

Im Jahr 2016 - nach immerhin 10 Jahren - lässt das nicht-kommerzielle, selbstorganisierte Projekt immerhin erkennen, zu welchem Ende es gedacht ist. Wenn es auch nie wird fertig werden können, so ist das Ziel doch, Schritt für Schritt, nach und nach, zumindest die Skulpturhauptstädte, die wichtigsten Skulpturenparks und eine Auswahl bedeutender Bildhauer zu präsentieren - so öffentlich und kostenlos (und werbefrei) wie die Kunstwerke im öffentlichen Raum selbst...

Fußnoten

[1] Claire Hellweg: Hans Steinbrenner: Gedanken und Reflexionen 1965. In: Claire Hellweg: Hans Steinbrenner: Die Entwicklung der Formensprache im Plastischen Werk. Inaugural-Dissertation, Johann Wolfgang Goethe Universität, Frankfurt am Main, 1991, S. 435.
[2] Hans Steinbrenner: Gedanken und Reflexionen 1967/68. In: Hans Steinbrenner - Le petit format. Une Sélection de Peintures 1977 - 2001. Ausstellungskatalog, Musée des Ursulines, Mâcon, 2002, S. 40


Skulptur hier, Malerei dort

Sind Skulpturen (bzw. Plastiken) bloß Bilder, die sich die dritte Dimension erobert haben? Es gibt bei Plastiken die unterschiedlichsten Materialien und Texturen - wie schon in der Malerei. An die Stelle der Farbe tritt jedoch eine unendliche Vielfalt der Form.

"Kunst ist im Grunde eine Bannung des Vergänglichen in die Gefäße der Form und des Raumerlebens."
[Helmut Brinckmann]

"Die Bildhauerkunst ist die Poesie, die vom handfesten Handeln handelt. Die Skulptur zeigt uns etwas, zu dem es keine Analogie gibt. Stets ist Skulptur identisch mit dem, was sie zeigt. Wogegen das Bild mit dem, was es zeigt, nicht identisch ist."
[Vittorio di Lupo, artkontor detmold]

"Wenn ein Gemälde, schon kraft seiner fensterartigen Rahmung, als Guckloch in ein potenziell Unendliches wirken kann, dann ist der Plastik ihre Endlichkeit in jeder Hinsicht eingefleischt. (...) Skulptur strebt nach einem umschriebenen Ganzen; sie deutet nicht an, sondern führt klar durch. (...) Nichts gibt sie als die harte Gegenwart ihres Steins, Holzes oder Metalls - während das Gemälde immer mit der Nähe jenes vergangenen Augenblicks lockt, als ein Sonnenstrahl die Seide eines Mieders traf. Entrückt und doch scheinbar mit Händen zu greifen, wird das Gemalte zum Objekt einer süßen Sehnsucht, die sich selbst genießt, und zwar umso mehr, je dringlicher sie den faktischen Mangel fühlt."
[Burkhard Müller in Süddeutschen Zeitung vom 11. August 2012]


Abstrakte Skulptur - ein Denkspiel

Während man sich um die Skulptur herumbewegt, schickt sie den betrachtenden Geist auf eine Entdeckungsreise. Mit oft überraschenden Eindrücken belohnt sie seine Neugier. Man beginnt, ungefragt, nach Ähnlichem zu graben, vergleicht und erkennt wieder, wundert sich - über das Unerwartete, über das Ungekannte an der Skulptur genauso wie über die eigenen spontanen Gedanken dazu, und freut sich - an diesem Spiel.


Henry Moore: Torso (1967)
Ansichtssache: mal wie ein Elefanten-
schädel, mal wie ein menschlicher Torso

"Entdecke die Möglichkeiten!"
[IKEA]

"…(die Plastik) zieht uns in Bewegungen und Zusammenhänge hinein. Sie erschließt sich, setzt Reflexionen frei, regt den Spieltrieb, Witz und Humor an, macht heiter, und auch nachdenklich über die Vergänglichkeit; lässt zu neuen Erfahrungen kommen, die unser Verhalten beeinflussen. So gesehen ist die Metallplastik ein anschaulich gewordenes, materialgefühlvolles Denkspiel, dessen Ernst es in sich hat."
[Mahlow 1981, S. 7]

"Sehen heißt Denken"
[Salvador Dali]

"Der Künstler ist ein Erfinder von Ideen, die sich visuell realisieren lassen.
Diese können wie Werkzeuge für Gedankenprozesse verstanden werden."
[Günther Uecker 1969, zitiert nach Dorothea van der Koelen]

Spüren Sie den Unterschied zum Baedeker-Werbespruch?

"Man sieht nur, was man weiß."
[Johann Wolfgang von Goethe]

Mir scheint, mit der Seh-Erfahrung und dem Wissen verhält es sich wie mit der Henne und dem Ei (oder der Nachdenklichkeit und dem Gedanken):

Natürlich erweitert Wissen die Wahrnehmung: kennt man Arbeiten von z.B. Matschinsky-Denninghoff, so wird man eine weitere womöglich als solche wiedererkennen und den Blick neugierig auf die Unterschiede richten. Die Umstände der Entstehung, der Aufstellung und insbesondere der Umsetzung oder gar Verschrottung eines Kunstwerks (wie z.B. bei Richard Serra) können spannend wie ein Krimi sein, solche Dinge können stumme Kunstwerke zum Sprudeln bringen. Werkbesprechungen, die nicht nur das Offensichtliche beschreiben, sondern das Besondere an diesem Werk, können Beziehungen und Entwicklungen sichtbar machen und der Wahrnehmung eine Tür öffnen.


Norbert Kricke:
Große Kurve I (1980)

Sehen Sie beispielsweise die "Große Kurve" rechts: Vor dieser und einer ähnlichen Arbeit in Saarbrücken stand ich zunächst ratlos. Wieder eine dieser "Das kann ich auch!"-Skulpturen? Tatsächlich war Kricke Anfang der 50er Jahre der erste, der sich der Linie als eigenständiger Skulptur zuwandte. Bis dato war Skulptur ein geformtes Volumen, bei den Konstruktivisten ein durch Flächen und Linien angedeutetes Volumen. Krickes Verdienst ist, den Verzicht auf das Volumen, ja selbst auf die Fläche, gewagt zu haben. Wenn Sie sehen möchten, welche Befreiung das war und was sich daraus alles entwickelt hat, werfen Sie doch einen Blick in den Streifzug "Linie - Gestus - Bewegung"!

Leicht erachtet der Mensch die Errungenschaften, die er in seiner Umgebung vorfindet, als selbstverständlich. Die moderne Skulptur hat all diese Möglichkeiten aber erst in einem langen Entwicklungsprozess freilegen und erforschen müssen. Die Entdeckungsgeschichte der Form liest sich nicht weniger spannend als die Entdeckungsgeschichte der Welt, der Technik oder der Naturwissenschaften!

Auf der anderen Seite: was wäre Wissen ohne eigene (Seh-)Erfahrungen? Eigene Erfahrungen erst schaffen selbst-konstruiertes, lebendiges Wissen. Eigene Erfahrungen und Gedanken machen neugierig, nachdenklich und kritisch.

"Wir müssen wieder lernen, mehr zu schauen und weniger zu reden."
[August Sander (1876-1964)]

"Skulptur sagt nichts aus. Wäre Aussage ihr Vorhaben, wäre sie der Sprache unterlegen. Über Skulptur zu schreiben erscheint paradox. Besteht doch die Kunst der Skulptur darin, die Dinge den Wörtern zu entziehen, um sichtbar, doch unbenennbar zu machen."
[Vittorio di Lupo, artkontor detmold]


Kunst im öffentlichen Raum und... Aggression

Welt der Form möchte auf die unglaublichen Schätze aufmerksam machen, die an unseren Straßen und Plätzen ausgebreitet sind. An Ort und Stelle berichten wir aber auch über einen unschönen Aspekt der Rezeptionsgeschichte vieler Kunstwerke - den Vandalismus. Insbesondere an Werken von Richard Serra oder Friedrich Gräsel hat er seinen Niedergeschlag gefunden.

Verwirrtheit ist eine Emotion, die häufig auf organisch bedingte Bewusstseinsstörungen wie etwa Orientierungsstörungen, innere Unruhe oder Halluzinationen - etwa aufgrund von zu geringer Flüssigkeitsaufnahme oder den Nebenwirkungen von Medikamenten - reduziert wird. Doch auch Erwachsene mit voll ausgebildetem kognitiven Apparat können auf die Bedienungsanleitung des neuen DVD-Rekorders, auf die Tarifauskunft am Bundesbahn-Ticketautomaten, auf moderne Malerei, experimentelle Musik oder zeitgenössische Literatur mit dem Gefühl der Verwirrtheit reagieren. Sichtbares Zeichen dafür ist das Stirnrunzeln. Hie und da wird die Verwirrtheit vom hilflosen Bewusstsein mit Frustration beantwortet und artikuliert sich in verbaler Aggression (in diesem Fall bleibt sie meist undokumentiert). Dazu der auf ästhetische Emotionen spezialisierte Psychologe Paul Silvia von der University of North Carolina in Greensboro:

"Verwirrtheit ist die typische Emotion von Anfängern, die mit Werken konfrontiert werden, die sie nicht verstehen. Verwirrtheit ist ein metakognitives Signal. Es informiert Menschen, dass sie nicht verstehen, was gerade passiert, und dass eine Verhaltensänderung nötig ist, etwa eine neue Lernstrategie, mehr Anstrengung oder auch ein Rückzug."
[Paul Silvia]

Der vorübergehende kognitive Kreiselflug ermögliche auf diese Weise einen Neustart im Kopf: Verwirrtheit gibt in diesem Sinne das Signal für einen Neuanfang, wie ihn jeder Mensch zu Beginn seines Lebens erfährt.

Vielleicht sollten Plaketten an Kunstwerken im öffentlichen Raum zukünftig über diese kognitive Strategie informieren anstatt über Titel und Künstler...? Viele Kunstwerke sind heute ohne einen "Schlüssel" praktisch unverständlich. Eine emotionsbasierte Kunstpädagogik sieht sich hier vor die nicht-triviale Aufgabe gestellt, dem Betrachter den Schlüssel - und nur den Schlüssel - zu einem Kunstwerk an die Hand zu geben. Die Tür zu öffnen - und die damit verbundene Emotion - möge jedoch bitte dem Kunstflaneur überlassen bleiben...

Mehr dazu im Artikel "Hier geht es um Killerhaie" in der Süddeutschen Zeitung vom 16.07.2010.


Abstrakte Skulptur - ein Kommunikationsanlass


Werner Pokorny: Gefäß
und Haus für Bingen I+II

Was es bedeutet? Ansichtssache!

Richtig spannend wird es mit abstrakter Skulptur, wenn man sich mit anderen Menschen darüber austauscht. Bei der Skulptur rechts beispielsweise schienen einem männlichen Besucher die Häuser gleichsam auf den Gefäßen zu thronen. Das Gefäß erfüllte also gewissermaßen die Funktion, das Haus würdig zu präsentieren. Zwei Besucherinnen widersprachen heftig: ihnen schien das Haus dort droben eine Zuflucht vor dem steigenden Flutpegel gefunden zu haben. Das Gefäß hatte für sie also eher eine schützende Funktion. Das Schöne: keine Meinung ist "die Richtige". Mir scheint, Psychologen könnten abstrakte Skulpturen gerade wie Tintenkleckse verwenden, um mehr über die Psyche des Probanden zu erfahren. Die Bedeutung der Skulptur steckt in uns.

"Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar."
[Paul Klee]

"...bildende Kunst es dem Betrachter erlauben muss, das in ihr zu finden, was er möchte, das heißt das, was er von sich aus mitbringt. Kunstwerke sind Picknickplätze, spanische Wirtshäuser, wo man das verzehrt, was man selber mitgebracht hat."
[François Morellet]

Weil so einjeder in einer Skulptur etwas anderes sehen kann, ist bei Skulptur im öffentlichen Raum Ärger vorprogrammiert. Niemand versteht, warum der andere ihn nicht versteht, und umgekehrt. Weil jeder von seiner Meinung überzeugt ist und es für jeden um viel geht (schließlich muss man mit einer solchen Skulptur ja noch lange zusammenleben!), wird heftig gestritten und diffamiert.


Peter Eisenman:
Denkmal für die ermordeten
Juden Europas
(2005)

Zu Eisenmans Holocaust-Mahnmal in Berlin (siehe rechts) beispielsweise heißt es 2002 bei Hans Dickel, Uwe Fleckner (Hrsg.): Kunst in der Stadt. Skulpturen in Berlin 1980-2000 lapidar: "künstlerisch unbefriedigende und den Verbrechen letztlich hilflos gegenberstehende Form des Denkmals". Heute wird das Mahnmal überaus geschätzt und von kaum einem Touristen ausgelassen. Die eintönigen Betonblöcke unterstreichen für mich persönlich gerade die Individualität der Ermordeten, die die Nazis auszulöschen versuchten. Ein genauerer Blick zeigt überdies, dass die Blöcke tatsächlich alle verschiedenen sind. Das Feld produziert in mir Unverständnis und Fassungslosigkeit, gerade das, was ich gegenüber KZs empfinde. Dazu diese Dimensionen! Und dieses organisierte In-Reih-und-Glied! Für mich hätte man diesen Abgrund der Nazi-Diktatur nicht besser darstellen können.

Wie man sieht, kann eine Skulptur bei jedem Menschen eine andere Wirkung auslösen, bei manch einem vielleicht gar keine. Wenn diese Freiheit der Assoziation zu beliebig scheint, dann muss man wohl stattdessen, um sicherzugehen, dass alle dieselben konfektionierten Assoziationen haben, Bilder vom Leben in Konzentrationslagern aufstellen. Skulptur braucht's dann nimmer.

Abstrakte Skulptur kann mithin einen Beitrag zu Toleranz, Pluralität des Denkens und gegenseitigem Verständnis leisten. Solange man miteinander spricht.

"Kunst ist ein Wetzstein für Toleranz."
[Otto Herbert Hajek (1927-2005)]


Abstrakte Skulptur: der psychologische Aspekt

Abstrakte Skulptur kann tiefe menschliche Empfindungen und Dispositionen anrühren. Gestatten Sie mir zur Illustration, zu drei Arten von Skulpturen je eine Mutmaßung über deren Liebhaber anzustellen (dreimal hat es meines Erachtens nichts mit Geschmack zu tun):


Max Bill:
Unendliche Schleife (1935-53)
Eine quasi-religiöse Weltanschauung mag man beispielsweise vermuten, wenn jemand eine Vorliebe für die 'ideale Form' hegt und womöglich vom 'ästhetischen Wert' eines Kunstwerks spricht oder von seiner 'erhabenen Schönheit'. Das Krude, Asymmetrische, Chaotische der Welt müsse überwunden werden, um einen Kontrapunkt zu setzen. Dieser Mensch wünscht sich Kultur gewissermaßen als Sinnstifter, als Anker, als Heilung.

»I have a need for peace, symphony, orchestration.«
[Antoine Pevsner]


Ewerdt Hilgemann:
Implodierte Pyramide
Ein anderer Mensch wiederum mag sich angesprochen fühlen von Skulpturen, bei denen der Zufall seine Hand im Spiel hat: vielleicht wurde das Objekt durch einen Sturz vom Hochhaus verformt oder durch eine gezielte Sprengung in Stücke zerlegt oder vielleicht wird es scheinbar erratisch vom Wind bewegt? Dieser Mensch reagiert unter Umständen auch auf Skulpturen, die die Urgewalt der Natur zum Vorschein bringen oder die schlicht monströse Masse zur Schau stellen oder die die gewaltigen Kräfte versinnbildlichen, die zu ihrer Formung nötig waren. Die Skulptur bringt für diesen Menschen so etwas wie das So-Sein der Welt oder das eigene Geworfensein in die Welt zum Ausdruck, vielleicht gar die Unbill, die der Mensch zu ertragen habe, und die Kräfte, die er dazu aufzuwenden bereit sei. Diesem Menschen dient Kultur gewissermaßen als Wirklichkeitsverarbeitung, als Reflexion des eigenen Selbst in einer (bedrohlichen? bedrohten?) Welt. Symmetrische, gefällige Formen wird dieser Mensch womöglich belächeln - als Flucht vor der Wirklichkeit oder als Schwäche, die Unwägbarkeiten des Lebens zu akzeptieren und sich ihnen zu stellen.

"Die Kunst erlöst uns von gar nichts. Ich wünsche mir von meiner Kunst etwas Direktes und Befremdliches. Dass sie die Besucher entweder völlig kalt lässt oder aber ganz für sich vereinnahmt. Am liebsten ist es mir, wenn sie uns kalt erwischt, wie ein Schlag ins Genick. Uns einfach umhaut und wir gar nicht erst dazu kommen, uns irgendwelche Geschmacksfragen zu stellen. Mir gefällt das Unvorhersehbare. (...) haben mich immer Mathematiker fasziniert, die nach neuen Strukturen suchen und so die Art verändern, in der Mathematik betrieben werden kann. Ähnliches interessiert mich auch in der Kunst, ich möchte die Dinge umkrempeln und neue Möglichkeiten erkunden."
[Bruce Nauman, 2004, in der ZEIT]


Sol LeWitt:
HRZL No. 7 (1992)
Von seriellen oder rasterartig angelegten Arbeiten, wie beispielsweise kleinen Marmorkuben, die entlang einer Linie in einigem Abstand voneinander aufgereiht sind, oder von Arbeiten, denen eine 'innewohnende Ordnung' zueigen ist oder deren Gestalt ein einfaches logisches Konstruktionsprinzip zugrundeliegt, das es zu entdecken gilt, schließlich mag sich möglicherweise ein spiritueller Mensch, der vielleicht zum Zen-Buddhismus tendiert, angezogen fühlen: Wiederholung als Auflösung des Einzelnen, eine Suche nach elementarer Struktur, nach den Grundfesten der Wahrnehmung als Überwindung des Subjektiven. Ein solcher Mensch erfährt Kultur gewissermaßen als Versenkung, als Askese.

Meiner eigenen Erfahrung nach zu urteilen, kann sich ein und dieselbe Person - je nach Lebenslage und Bedürfnis - durchaus von dem einen oder dem anderen 'Thema' gleichermaßen angesprochen fühlen. Dies scheint mir auch auf den Künstler selbst zuzutreffen.

"Der wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schaffen. Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. Ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz zu finden."
[Paul Auster, amerikanischer Schriftsteller]


Welche Welt meint Welt der Form?

Welt der Form möchte neugierig auf abstrakte Skulptur machen. 'Abstrakt' will hierbei als Sammelbegriff für nicht-figurative und nicht-gegenständliche Kunst verstanden sein, der insbesondere abstrahierende, informelle, abstrakt-geometrische, konkrete, konstruktiv-expressive, minimalistische sowie Konzeptkunst mit einschließt.

"Die Figuration schränkt ein; sie gibt dem Betrachter keine Freiheit."
[Gottfried Honegger]


Herbert Baumann:
Sonnenscheibe (1961/62)
Abstrahierende (manchmal wird schon mit dem Begriff 'abstrakt' nur auf diese Bedeutung abgehoben) Kunst wie etwa Henry Moores Torso oder Herbert Baumanns Sonnenscheibe nimmt eine Naturform als Ausgangspunkt - ohne allerdings die konkrete, sichtbare Wirklichkeit abzubilden. Gegenstandslos ist sie deshalb nicht: sie versucht vielmehr, innere Wirklichkeit oder das Wesen von Phänomenen abzubilden.

"Das Abstrakte ist eine zur genauesten Bestimmung gebrachte Innerlichkeit oder, wenn man will, die am tiefsten verinnerlichte Äußerlichkeit."
[Piet Mondrian]

Hans Arp:
Wolkenhirt (1953)
Gerson Fehrenbach:
Karyatide (1964/1966)
Eine biomorphe Formensprache findet man etwa bei Hans Arp. Ohne dass seine Formfindungen nun von konkreten Naturformen inspiriert wären, versucht Arp bei der Schaffung seiner 'Konkretionen', wie die Natur zu arbeiten. Dieser naturanaloge Prozess gebiert ihm schlussendlich die Form. Seine Skulpturen stellen gewissermaßen das Wachsen und Werden als solches dar.

Der Schritt ins Informel ist hier, von außen gesehen, nicht weit. Hier sieht sich der Künstler als der Erfinder freier (ungekannter) Formen. Gerson Fehrenbach kann hier genannt werden, aber auch Norbert Kricke.

Mit dem Kubismus (z.B. Jacques Lipchitz: Head, 1915, Naum Gabo: Constructed Head, no. 2, 1916, Juan Gris: Harlequin, 1917, Rudolf Belling: Dreiklang, 1919) tritt das unmittelbar Darstellende in der Bildhauerei in den Hintergrund: das fertige Bild, der Ausdruck des Kunstwerks entsteht nun erst in der Vorstellungskraft des Betrachters. Der Konstruktivismus dann (Alexander Rodtschenko: Ovale Hängekonstruktion, 1919, Naum Gabo: Spheric Theme, 1937, Antoine Pevsner: Developable Surface, 1938) war in zweierlei Hinsicht ein Paukenschlag in der Bildhauerei: nicht nur ersetzte er den Anmut des Ausdrucks durch die Schönheit des Verstandes. Form und Raum wurden von hier an - wie sich im Kubismus erst zaghaft andeutete - ein und dasselbe. (Eine Verschmelzung von Raum und Form vollzogen auch Henry Moore und Barbara Hepworth, doch anhand biomorpher Formen.)


Alf Lechner: Kreisteilung -
Quadratanordnung - Kugel
(1987)
Die abstrakt-geometrische Plastik beschäftigt sich etwa mit der Wirkung, die unterschiedliche elementargeometrische Formen im Aufeinandertreffen entfalten, vergleiche z.B. Alf Lechners 'Kreisteilung - Quadratanordnung - Kugel'. Eine abstrakt-geometrische Komposition lebt dabei oftmals von Gegensätzen wie leicht / schwer oder statisch / (scheinbar bzw. potentiell) beweglich.




Max Bill:
Familie von fünf halben Kugeln


Ingo Glass:
Dominierender Kreis
über dem Quadrat
(2012)
konkrete kunst nennen wir jene kunstwerke, die aufgrund ihrer ureigenen mittel und gesetzmässigkeiten – ohne äusserliche anlehnung an naturerscheinungen oder deren transformierung, also nicht durch abstraktion – entstanden sind. konkrete kunst ist in ihrer eigenart selbständig. sie ist der ausdruck des menschlichen geistes, für den menschlichen geist bestimmt, und sie sei von jener schärfe, eindeutigkeit und vollkommenheit, wie dies von werken des menschlichen geistes erwartet werden muss. (...)
konkrete kunst ist in ihrer letzten konsequenz der reine ausdruck von harmonischem mass und gesetz. sie ordnet systeme und gibt mit künstlerischen mitteln diesen ordnungen das leben. sie ist real und geistig, unnaturalistisch und dennoch naturnah. sie erstrebt das universelle und pflegt dennoch das einmalige, sie drängt das individualistische zurück, zu gunsten des individuums.
[Max Bill: konkrete kunst, in: Ausstellungskatalog zürcher konkrete kunst, 1949]




Sol LeWitt:
Structure (1994)
Das minimalistische Kunstwerk möchte ohne Konnotationen und Assoziationen, insbesondere ohne subjektive Erfahrungen oder Vorwissen "gesehen" werden. Es will für sich stehen, aus sich selbst heraus sein. Oft sind minimalistische Skulpturen-Installationen aus handelsüblichen, z.B. industriell vorgefertigten Metallplatten, Ziegelsteinen oder Holzblöcken, die vom Künstler nicht weiter bearbeitet werden, aufgebaut bzw. zusammengestellt.

"What you see is what you see."
[Frank Stella, 1964]

Keine mitschwingende Symbolik oder Bedeutung, nicht einmal das Material soll den Betrachter bei seinem wahrnehmenden Abschreiten und subjektiven Erleben dessen, was da ist, ablenken.

Andreu Alfaro:
Lebenskraft (1979)
Mark di Suvero:
Spring Rain (1994)
Die konstruktiv-expressive Formensprache eines Andreu Alfaro (Un arbre per l'any 2000, 1971), Mark di Suvero (Teha, 1971) oder Erich Hauser (Raumsäulen, 1971) schließlich sublimiert jeden Gedanken an Erdenschwere in - Ausdruck. Ein Ausdruck weniger von menschlichen Empfindungen als ein Ausdruck menschlicher Gefühle. Während das "kalte" Material Stahl vielleicht auf den ersten Blick sachlich-nüchtern wirken mag, transportieren hier - oft großformatige - Plastiken, gewollt oder ungewollt, ein Gefühl, eine Emotion, in eine Geste codiert. So mag ein Betrachter mit den Plastiken eines Andreu Alfaro oder Mark di Suvero beispielsweise 'Freiheit' oder 'Strahlkraft' bzw. 'Selbstbewusstsein', 'Präsenz' oder 'Aufbruch' verbinden.


Gerhard Jürgen
Blum-Kwiatkowski:
Schütze die Erde (2004)
Ein Kunstwerk kann auch narrativ aufgeladen sein wie beispielsweise bei Gerhard Jürgen Blum-Kwiatkowskis Kreiselkunstwerk 'Schütze die Erde und glaube an die Zukunft'. Blum - Begründer des Museum Modern Art in Hünfeld - spricht in diesem Zusammenhang von der intelligiblen Kunst, die sich erst im Gedanken vollendet. Das Kunstwerk versteht sich als Anregung für solche Gedanken.

Der Kegel besteht im unteren Teil aus poliertem Basaltstein, im mittleren Teil aus Edelstahl und in der Spitze aus mit Blattgold belegtem Stahl. Während Stein die Verbundenheit zur Erde ausdrücken soll, steht das Metall für die technisierte Gegenwart. Die goldene Spitze weist den Blick hoffnungsvoll in das Universum. Damit will Blum zum Ausdruck bringen, dass die Zukunft der Menschheit morgen vom Schutz der natürlichen Ressourcen heute abhängt.


Claes Oldenburg &
Coosje van Bruggen:
Dropped Cone (2001)
Einen Schritt weiter geht die Konzeptkunst, vergleiche etwa Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen mit ihrem 'Dropped Cone' (2001). Wie schon bei der intelligiblen Kunst ist die Ausführung des Kunstwerks von untergeordneter Bedeutung und kann durch Auftragnehmer erfolgen. Und wieder steht ein Gedanke, eine Idee im Vordergrund. Den Gedanken soll sich der Betrachter allerdings nach Möglichkeit selbst erarbeiten können dadurch, dass der Kontext des Aufstellungsorts etwa zu Assoziationen angeregt oder indem das Kunstwerk selbst gewohnte Sichtweisen und Begriffe infrage stellt. Die Wahl des Materials ist nun rein fertigungsbedingt.


Die Entdeckung in der Zusammenschau

Die Fotogalerien auf diesen Webseiten möchten neugierig auf abstrakte Skulptur machen. Als Lehrer wünsche ich mir freilich, dass die Bilder in der Kunsterziehung von Nutzen sein werden. Wir verfolgen keine kommerzielle Interessen. Informationen zu Kunstwerken und Künstlern fehlen hie und da leider noch, werden aber nachgereicht, sobald ich Gelegenheit dazu (manchmal auch: Kenntnis davon!) habe.

Augenfällig wird beim Stöbern in den Bildergalerien, welch ein Reichtum hier in Deutschland vor unseren Augen ausgebreitet ist - und das, wo Deutschland derart ausblutete während des dritten Reichs. Gleichzeitig beobachte ich jedoch mit großem Erstaunen, wie wenige Menschen diesen Reichtum überhaupt wahrnehmen! Kann es sein, daß dies an der Reizüberflutung liegt, der wir heute im Medienzeitalter ausgesetzt sind?

Wenn dem so sein sollte, dann sollten die Bildergalerien von Welt der Form die kritische Masse liefern können, um abstrakte Skulptur ins Bewusstsein zu rücken! Ein wenig Zeit und Muße vorausgesetzt (die Skulptur braucht, um wirken zu können), kann der Webwanderer hier nach Herzenslust in Skulpturen schwelgen und ohne Mühe von Bild zu Bild, von Skulptur zu Skulptur springen, Bekanntes wiederfinden und sich erinnern, Neuland entdecken, herausfinden, was das eigene Auge anspricht - und was nicht.

Damit ist ein zweiter Grund angesprochen, der es der abstrakten Skulptur so schwer macht, ins öffentliche Bewusstsein zu gelangen: die Werke sind wie Murmeln verstreut über den Globus. Nun - allerdings beileibe nicht gleichmäßig: Deutschland ist eine Skulptur-Hochburg ohne Gleichen! Und trotzdem: selbst, wenn man nur den einzelnen Künstler ins Auge fasst, so ist sein Werk oft weit gestreut - und ohne Reisen und ohne bewusstes Hinschauen nicht erfassbar. Schön daran: auf diese Weise können mehr Menschen in ihrem Leben mal einem Henry Moore, einem Rückriem oder einem Steinbrenner begegnen; spiegelt sich in dieser Streuung nicht gar das weltumspannende Verbindende menschlicher Kultur? Doch am Ende: erreicht (abgesehen von einigen wenigen exponierten Stücken) die einzelne Skulptur den Menschen? Wie lässt sich erreichen, dass die Wahrnehmungsschwelle öfter und für mehr Menschen überschritten wird? Wie lässt sich erreichen, dass dieser Reichtum sich nicht nur den wenigen Glücklichen erschließt, die ohnehin schon ihren Zugang gefunden haben?

Das WorldWideWeb macht es möglich, Verstreutes nebeneinander zu stellen. Sehen Sie selbst, welch eine Wirkung die Zusammenschau entfaltet!


Eine Vision...

Können Sie sich vorstellen, dass - in nicht allzu ferner Zukunft - die Vernetzung der Kunstwerke in beide Richtungen verläuft: nicht nur vom Bild zum geographischen Ort der Skulptur - wie es Welt der Form heute leistet -, sondern dass zukünftig auch die reale Skulptur, dass eine Plakette am Ort den Spaziergänger auf Hintergrundinformationen auf Welt der Form verweisen würde?

Der erster Verweis - von der Webseite zum realen Objekt gerichtet - möchte zur unmittelbaren Begegnung mit dem Kunstwerk ermuntern. Aber Sie als Besucher dieser Webseite sind bereits ein Kunstinteressierter, nicht wahr?


Mobile Tagging
mittels QR-Codes

Der zweite Verweis - von der zufälligen Begegnung mit einer Skulptur im Stadtraum hin zur Zusammenschau auf Welt der Form - würde möglicherweise Menschen neugierig werden lassen, die bisher noch keinen oder nur wenig Kontakt mit abstrakter Skulptur hatten. Zunächst vielleicht nur neugierig darauf, was es mit jener speziellen Skulptur auf sich hat. Dann aber unter Umständen auch neugierig darauf, weitere abstrakte Skulpturen kennenzulernen und die Welt der abstrakten Skulptur für sich zu entdecken! (Nebenbei: geht das eine ohne das andere?)

Heute ist es meiner Erfahrung nach eher die lobenswerte Ausnahme, dass eine Skulptur überhaupt eine Plakette trägt. Aber gerade bei abstrakten Werken: muss man nicht auch fragen, wie viel die »nackte« Information auf der Plakette (Angabe des Künstlers, ggf. Titel, Schaffensjahr oder Aufstellungsjahr (?), Material) zum Verständnis beiträgt?

Im Jahr 2020, so stelle ich mir vor, wären Skulpturen im öffentlichen Raum mit einem QR Code, einer Art "quadratischen Bar-Code", versehen. Den kann man mit dem Smartphone fotografieren und eine entsprechende App leitet den Spaziergänger automatisch auf die Webseite über das Kunstwerk ("Mobile Tagging"). Würde nicht manch einer allein schon durch das Schild mit dem QR-Code neugierig werden? Im Kunstunterricht oder an Projekttagen könnten Schülerinnen und Schüler, mit dem Smartphone in der Hand, eine Stadt-Rallye von Skulptur zu Skulptur quer durch die Stadt unternehmen!

Durch Mobile Tagging würde die Welt der Form lebendig! Nicht nur wären Hintergrundinformation zum Werk und zum Künstler vor Ort abrufbar. Interessierte Bürgerinnen und Bürger hätten eine Anlaufstelle, um Informationen beisteuern, z.B. wie es zur Aufstellung dieser Skulptur gekommen ist, dass die Skulptur womöglich ursprünglich für einen anderen Platz gedacht war, aber Bürgerproteste die Aufstellung dort nicht zuließen? (So geschehen mit der Moore-Plastik in Stuttgart.) Oder dass die möglicherweise einst vernachlässigte Skulptur entfernt werden sollte, sich aber engagierte Bürger für den Verbleib einsetzten und heute die Skulptur pflegen? (So geschehen am Moltkeplatz in Essen.) Womöglich würde Welt der Form informiert werden, wenn eine Skulptur versetzt, eingemottet oder gestohlen wurde? Womöglich würde sich ein Sponsor finden, wenn ein Kunstwerk restauriert werden muss?

Bringen Sie ein innovatives Kulturamt, das Fremdenverkehrsamt, den Kunstverein und vielleicht auch das heimische Nahverkehrsunternehmen zusammen an einen Tisch! In Frankfurt am Main gab es ein ähnliches, allerdings zeitlich befristetes Projekt in Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Nahverkehrsunternehmen. Man muss bei der Jugend anfangen...


Dr. Emden-Weinert created: 2008/07/17, last changed: 2016/6/18